Tafeln unter Druck: Brauchen sie Unterstützung – oder müssen sie weg?
Stand: 17.03.2026, 05:58 Uhr
Die Tafeln versorgen in NRW nach eigenen Angaben bis zu 400.000 bedürftige Menschen mit Lebensmitteln. Doch sie stehen selbst unter Druck. In Moers zum Beispiel läuft der Mietvertrag der Tafel aus. Wie kann Hilfe für die Tafeln aussehen? Und ist sie überhaupt nötig? Darüber wollen wir beim WDR Lokalzeit Stadtgespräch in Moers diskutieren.
Von Kai Toss
Dialogbox
Das Anstehen hat sich für Dieter gelohnt. Drei Stunden hat der 73-jährige Rentner zusammen mit rund 50 weiteren Menschen gewartet, bis die Moerser Tafel ihre Türen öffnet. Heute gibt es Toastbrot, grünen Spargel, einen ganzen Sellerie. Und Dieters Highlight des Tages: kleine Salami-Würstchen.
Tafelkunde Dieter steht in der Warteschlange an der Moerser Tafel.
“Die verwöhnen uns hier bei der Tafel und sind immer sehr freundlich”, sagt Dieter. Nach einem Berufsleben in der Gastronomie ist er heute auf Grundsicherung angewiesen. Man merkt: Die Begegnungen und Gespräche beim Tafelbesuch sind für ihn fast genauso wichtig wie die Lebensmittel, die er mit nach Hause nimmt.
Moerser Tafel sucht dringend neue Räume
Die Moerser Tafel versorgt nicht nur rund 2.000 Bedürftige mit Lebensmitteln. Sie ist auch eine logistische Drehscheibe für 14 weitere Tafeln am Niederrhein. Doch der Vermieter hat wegen Eigenbedarfs gekündigt. Die Stadt Moers unterstützt zwar bei der Suche nach neuen Räumen, bislang jedoch ohne Erfolg. “Ich arbeite hier seit 14 Jahren ehrenamtlich. Wenn es keine Lösung gibt, werde ich zurücktreten.”, sagt Tafelchef Raffaele Corda. Man merkt, wie sehr ihn die Situation unter Druck setzt.
“Ich muss mir das nicht mehr antun. Dass ich schlaflose Nächte habe und mir die Sorgen mache.”
Raffaele Corda, Vorsitzender der Moerser Tafel
Für Raffaele Corda, Vorsitzender der Moerser Tafel, ist die Lage sehr ernst.
Auch anderswo in NRW geraten Tafeln unter Druck: In Düsseldorf wurden der Tafel ebenfalls die Räume gekündigt. In Bonn wird laut Tafel NRW eine Kündigung erwartet.
Wer arm ist, bekommt Geld vom Amt. Sind Tafeln nötig?
Zu den Kritikern des Systems zählt der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Fabian Kessl von der Universität Wuppertal. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit Armut und Sozialpolitik. Kessl hält es für problematisch, dass Bedürftige im Tafelsystem auf Spenden angewiesen sind, ohne ein gesichertes Recht darauf zu haben.
Gleichzeitig stellt sich die Frage: Reicht die staatliche Unterstützung überhaupt aus, um den Lebensunterhalt zu decken? Eine alleinstehende Person muss laut NRW-Sozialministerium mit insgesamt 563 Euro Bürgergeld im Monat auskommen.
Minister Laumann: “Tafeln stehen für Barmherzigkeit”
Rein rechnerisch stehen Bürgergeld-Empfängern rund 195 Euro pro Monat für Lebensmittel zur Verfügung – das sind rund 6,50 Euro pro Tag. Das sei “knapp bemessen, stellt aber ein ausreichendes Existenzminimum dar”, heißt es aus dem NRW-Sozialministerium.
Trotzdem unterstützt das Land NRW die Tafeln mit rund 1,6 Millionen Euro jährlich. Sozialminister Karl-Josef Laumann sagt dazu: “Neben einem Rechtsanspruch auf soziale Leistungen brauchen wir in unserer Gesellschaft aber auch Barmherzigkeit – und die Tafeln stehen genau für diese Barmherzigkeit.”
Was denkt ihr darüber?
Welche Rolle sollen die Tafeln künftig spielen? Sollte unsere Gesellschaft alles dafür tun, dass sie irgendwann überflüssig werden? Reicht die staatliche Unterstützung schon heute aus? Oder brauchen die 173 Tafeln in NRW mehr Hilfe durch öffentliche Gelder?
Schreibt uns eure Meinung – direkt in die Kommentare auf wdr.de oder per Mail an stadtgespraech@wdr.de.
Über das Thema diskutieren wir beim WDR Lokalzeit Stadtgespräch am Donnerstag, 19. März, um 20 Uhr im Gebäude der Moerser Tafel – und live bei WDR 5. Eure Fragen und Anregungen nehmen wir mit in die Diskussion.
Unsere Quellen:
- Interview mit Petra Jung, Tafel NRW
- Interviews mit Mitarbeitern der Moerser Tafel
- Interview mit Prof. Dr. Fabian Kessl
- Interview mit Prof. Dr. Holger Schoneville
- Schriftliche Antworten vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Sendung: WDR.de, Tafeln unter Druck: Brauchen sie Unterstützung – oder müssen sie weg?, 17.03.2026, 05.58 Uhr
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